Beim Thema Feinstaub wird in Deutschland noch immer mit zweierlei Maß gemessen. Während zu Silvester kurze Stunden-Spitzenwerte nach Mitternacht gern mal zur großen „Gesundheitsgefahr“ erklärt werden, geraten andere, weit größere Quellen schnell aus den Augen – ein Blick auf die blinden Flecken:
Kaminofen/Holzofen: Das jüngste SPIEGEL-Interview mit Prof. Dr. Achim Dittler, Experte für Feinstaubforschung vom Karlsruher Institut für Technologie, sieht die Feinstaubproblematik aus Holzfeuerungen als strukturelles Luftreinhalteproblem. Holzverbrennung kann im Vergleich zur Gasheizung ein Vielfaches an Feinstaub verursachen (bis zu „2500-mal mehr“). Außerdem werde das reale Emissionsverhalten vieler Öfen durch die Typprüfung nur unzureichend abgebildet. Hinzu käme: Inversionswetterlagen halten Belastungen über Stunden und Tage in Bodennähe, insbesondere abends treten lokale Spitzen auf. Dittler kritisiert deshalb fehlende Überwachung und politische Zurückhaltung.
Unstatistik des Monats: Wie aus Stunden-Peaks eine „akute Gesundheitsgefahr“ gemacht wird.
Die so genannte „Unstatistik des Monats“ des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung nimmt diesen medialen Mechanismus auseinander, wenn es um Silvester geht: Berichtet werde häufig über extrem hohe Konzentrationen um 1 Uhr nachts – ohne sauber zwischen punktueller Spitzenbelastung und relevanten Bewertungsmaßstäben (Tagesmittel, Jahreskontext) zu unterscheiden. Konkret werden Beispiele genannt, bei denen einem sehr hohen Stundenwert ein deutlich niedrigerer Tagesdurchschnitt gegenübersteht (z. B. Leipzig: 1.860 µg/m³ Spitze vs. 133 µg/m³ Tagesmittel; Berlin: 647 µg/m³ Spitze vs. 47 µg/m³ Tagesmittel). Außerdem: Feinstaub „verflüchtigt sich“ in der Regel schnell; bereits am 2. Januar seien in den genannten Städten keine Grenzwertüberschreitungen mehr festgestellt worden. Entscheidend sei das Wetter – und dauerhaft wirkende Quellen (z. B. Verkehr) seien bei anhaltender Zufuhr erheblich relevanter als zeitlich begrenzte Aktivitäten. Fazit dort: Im Jahresverlauf habe Silvesterfeuerwerk keine große Auswirkung; die „Feinstaubhysterie“ sei überzogen.
Osterfeuer: Rundschau Online berichtet unter Bezug auf das Umweltbundesamt (UBA): Osterfeuer hätten 2023 rund 1.200 Tonnen PM2,5 verursacht – in einer Größenordnung, die etwa dem Silvesterfeuerwerk (1.150 Tonnen PM2,5) entspräche. Aber: An die großen Verursacher reichten weder Osterfeuer noch Silvesterfeuerwerk heran: 16.300 Tonnen PM2,5 aus dem Straßenverkehr und 12.500 Tonnen PM2,5 aus Holzfeuerungen (für 2023). Wer Feuerwerk wegen Feinstaub grundsätzlich skandalisiere, müsste auch Osterfeuer problematisieren. Das passiere aber kaum - ein blinder Fleck.
Fazit
Wenn es um Feinstaub geht, ist Augenmaß gefragt. Das UBA beziffert die durch Feuerwerk freigesetzte Feinstaubmenge auf rund 2.050 Tonnen PM10 pro Jahr und ordnet das als gerade einmal ein Prozent der gesamten PM10-Jahresemissionen ein. Gleichzeitig ist klar: Holzfeuerungen sind mengenmäßig und zeitlich ein weitaus größeres Problem, Osterfeuer sind ebenfalls relevant – beide Themen werden aber anders behandelt. Wer sich ernsthaft für Gesundheitsschutz einsetzt, der muss dort priorisieren, wo die dauerhaft großen Mengen entstehen. Nicht nur einmal im Jahr, nicht nur symbolpolitisch und nicht nur für ein paar Stunden.
Quellen
https://www.mpib-berlin.mpg.de/unstatistik-gesundheitsgefahr-durch-feinstaubbelastung 3.
https://www.rundschau-online.de/welt/osterfeuer-koennen-laut-uba-so-viel-feinstaub-wie-feuerwerk-freisetzen-1007216
https://www.spiegel.de/gesundheit/holzofen-feinstaub-wird-trotz-kaminverbot-nicht-weniger-a-2eb2710b-6f1d-46f9-8887-a7eabf89e509
https://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/luftschadstoffe/feinstaub/feinstaub-durch-silvesterfeuerwerk


